Zum Inhalt springen

Was muten wir eigentlich unseren Soldaten in Auslandseinsätzen zu?

Die gesundheitlichen Risiken, die für Bundeswehrsoldaten mit ihrem Dienst und insbesondere mit Auslandseinsätzen verknüpft sind, lassen sich genauer erst seit einer empirischen Untersuchung aus der Arbeitsgruppe von Hans Ulrich Wittchen1 abschätzen. Danach kehrten rund 2 Prozent der deutschen Bundeswehrsoldaten aus ihrem Auslandseinsatz in Afghanistan mit einer posttraumatischen Belastungsstörung zurück. Nur jeder zweite betroffene Soldat sucht anschließend professionelle Hilfe, obwohl im Mittelwert eine Exposition mit 20 traumarelevanten Ereignissen während des Einsatzes berichtet wird. Im Vergleich zu den PTSD-Raten vergleichbarer Armeen, wie zum Beispiel bei englischen und amerikanischen Soldaten, schneidet die Bundeswehr hier besser ab. Dies scheint an den besseren Auswahlkriterien für die Auslandseinsätze, einer besseren Einsatzvorbereitung, an einer kürzeren Einsatzdauer von 4 bis 5 Monaten statt bis zu 2 Jahren und einer geringeren unmittelbaren Gewaltexposition zu liegen2. Dass sich das Auftreten von zum Beispiel posttraumatischen Belastungsstörungen linear mit der Anzahl traumatischer Belastungsereignisse (und möglicherweise der Auslandseinsätze) erhöht, ist in den Diskussionen zu dieser Forschung bisher wenig erörtert worden, wird aber mit den zunehmenden Auslandseinsätzen der Bundeswehr an Gewicht gewinnen.

Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Wie insbesondere neuere Studien zur Gen-Umwelt-Interaktion3 zeigen, lassen sich in Zukunft einerseits Hochrisikogruppen über neurobiologische und psychologische Risikofaktoren identifizieren und unter Umständen auch präventiv betrachten. Andererseits ist das Risiko, im späteren Lebensverlauf an einer anderen psychischen Störung zu erkranken, wie etwa an einer depressiven Störung, um ein Vielfaches erhöht. Die hier gefundenen zeitlichen Latenzen sind beträchtlich, so dass in Risikoabschätzungen Zeiträume von länger als 5 Jahren zugrunde zu legen sind.

Hinzu treten die sogenannten subsyndromalen Phänomene, die nicht das Niveau einer Erkrankung im eigentlichen Sinn erreichen, aber von vielen Soldaten berichtet werden: zum Beispiel Schlafstörungen, eher über somatische Symptome erlebte Angstsymptome und das Gefühl, durch einen solchen Einsatz in der Persönlichkeitsorganisation verändert nach Hause zurückzukehren. Fragen der eigenen Existenz und Identität werden also berührt.

Und nun kommt eine neue Dimension hinzu, deren gesundheitliche Folgen sich noch nicht abschätzen lassen: der Einsatz von Drohnen, die in kriegerischen Situationen nicht nur der Aufklärung dienen, sondern zu gezielten waffengestützten Einsätzen verwendet werden, bei denen es explizit auch um die Tötung eines in gewisser Hinsicht „unsichtbaren Gegenübers“ geht, für den der betroffene Soldat ebenfalls „unsichtbar“ bleibt. Empirische Studien liegen hierzu noch nicht vor. Allerdings wurden einige Übersichtsarbeiten publiziert, denen offensichtlich qualitative Erfahrungsberichte und theoretische Erwägungen zugrunde liegen. So gehen etwa Sparrow4 und Pepper5 davon aus, dass die verwendeten Interfacesysteme eine bedeutende Rolle als Belastungsfaktor einnehmen. Systeme, die abstrakte und mediierte Bilder des Kriegsschauplatzes liefern, verursachen eine geringere Stressexposition, während reale Darstellungen in erheblichem Umfang mit Hyperarousal assoziiert sein können. Von ihnen wird das durchaus auch beachtliche psychische Störungsrisiko diskutiert, Zeuge oder Beteiligter von sichtbaren traumatischen Ereignissen zu sein und dabei intervenieren oder passiv zusehen zu müssen. Vielfach berichtete „Kollateralschäden“, bei denen es nicht nur um die gezielte Tötung von avisierten Personen oder Gruppen geht, sondern bei denen Unbeteiligte zu Schaden kommen, dürften dabei von besonderer Relevanz sein, zumal Einigkeit in der Literatur darüber besteht, dass in Kriegen jeder Art diese Opfer in der Zivilbevölkerung die Opfer an Soldaten um ein Vielfaches übersteigen. Die damit zusammenhängende Schuld- und Schamthematik stellt sich mit dem Beginn eines „virtuellen Krieges“ damit vollkommen neu, wobei wir wenig über die Verarbeitungsmechanismen der Beteiligten wissen. Die Armeen, in denen dies bereits gängige Praxis ist, hüllen sich in Schweigen.

Aber wie steht sich ein Bundeswehrsoldat selbst gegenüber, der erfährt, dass er nicht allein einen oder mehrere „Feinde“, sondern auch eine kritische Anzahl von unbeteiligten Personen durch ein „virtuelles Manöver“ getötet hat, wie dies in den zurückliegenden Kriegseinsätzen bereits vielfach passiert ist? Wie bewegt er sich dann in dem ihm fremden kulturellen Kontext im Auslandseinsatz, in dem dieses Drama stattgefunden hat? Wie verändert dies seine Wahrnehmung gegenüber der dortigen Bevölkerung? Wie verändert dies sein inneres Konzept als Soldat und als Mensch in anderen sozialen Rollen? Dies sind Fragen, die noch keineswegs beantwortet sind oder über die zur Zeit nur richtungsweisend spekuliert werden kann.

In einem weiteren Kontext ist eine Analogie dieser Systeme mit computerisierenden „Kriegsspielen“ und „Gewaltspielen“ von Relevanz, deren desensibilisierende Wirkung auf eine Senkung der naturalistischen Gewaltschwelle und Aggressionsbereitschaft breit diskutiert wird. Ritchie und andere6 machen in diesem Zusammenhang allerdings darauf aufmerksam, dass nur eine vergleichsweise geringe Zahl durch Kriegsereignisse psychisch geschädigter Kriegsveteranen in spätere Gewaltdelikte in der Zivilgesellschaft verwickelt wird. Demgegenüber wird von einigen forensischen Autoren das Risiko eines Opfer-Täter-Transfers auf bis zu 15% geschätzt.7

Die gesundheitlichen Risiken der Verwendung von „Kampfdrohnen“ für die beteiligten Soldaten lassen sich damit nicht präzise einschätzen. 

Wittchen, H. U., Schönfeld, S., Kirschbaum, C., Thurau, C., Trautmann, S., Steudte, S., Klotsch, J., Höfler, M., Hauffa, R. & Zimmermann, P., “Traumatic experiences and posttraumatic stress disorder in soldiers following deployment abroad: how big is he hidden problem”, Deutsches Ärzteblatt, Int. 109, 559-568, 2012.

Trautmann, S., Schönfeld, S., Höfler, M., Heinrich, A., Hauffa, R., Zimmermann, P. & Wittchen, H. J., ”Posttraumatic stress disorder after deployment of German soldiers: does the risk increase with deployment duration”, Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz 56, 930-940, 2013.

Zum Beispiel: Grabe, H. J., Schwahn, C., Mahler, J., Schulz, A., Spitzer, C., Fenske, K., Appel, K., Barnow, S., Nauck, M., Schomerus, G., Biffar, R., Rosskopf, D., John, U., Völzke, H. & Freyberger, H.J., „Moderation of adult depression by the serotonin transporter promoter variant (5-HTTLPR) child abuse and adult traumatic events in a general population sample“, Am J Med Genet B Neuropsychiatr Genet 159B, 298-309, 2012.

Sparrow, R., “Building a better warbot: ethical issues in the design of unmanned systems for military applications”, Sci Eng Ethics 15, 169-187, 2009.

Pepper, T., “Drones – ethical considerations and medical implications”, J R Nav Med Serv 98, 37-40, 2012.

Ritchie, E. C., Benedek, D., Malone, R. & Carr-Malone, R., “Psychiatry and the military: an update”, Psychiatr Clin North Am 29, 695-707, 2006.

Dudeck, M., Drenkhahn, K., Spitzer, C., Barnow, S., Kopp, D., Kuwert, P., Freyberger, H. J. & Dünkel, F., “Traumatization and mental distress in long-term prisoners in Europe”, Punishment & Society 31: 13(4), 403-423, 2011.

Autor

h_freyberger_001_color.jpg

Prof. Dr. Harald J. Freyberger ist Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Greifswald. Geboren 1957, Studium der Humanmedizin in Hamburg und Zürich. 1987 Promotion in Hamburg, 1996 Habilitation in Lübeck. 1985 -1995 wissenschaftlicher Assistent und Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie der Medizinischen Universität Lübeck. 1996–1997 Leitender Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Bonn. Seit Dezember 1997 Universitätsprofessor für Psychiatrie, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind Klassifikation, Diagnostik und Epidemiologie psychischer Störungen, Riskofaktorenforschung u.a. im Bereich dissoziativer und posttraumatischer Belastungsstörungen, psychiatrische und psychotherapeutische Interventionsforschung, Versorgungs- und Therapieforschung.

freyberguni-greifswaldde